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Laugele fugse - das war einmal Bubensport, als man noch nicht
von Freizeitgestaltung sprach.
Da hatte man noch viel Zeit zum am See ummestruele. Und zum
harmloseren Zeitvertreib gehörte halt das
Laugelefugse. Die Buben machten's mit einer sogenannten
Sackfischete, also einem Gabelbrettchen, um das eine
Schnur gewickelt war, am Ende eine Spanne Silk, als Schwimmer ein
Korken, als Gewicht ein Klümpchen Blei,
und an den Haken spießten sie nur selten einen Wurm, meistens ein
Kügelchen Brot. Das hingen sie die Mauer
hinab ins Wasser, dahockend mit herabbaumelnden Beinen und guckten
belustigt zu, wie ein Laugele ums andere
vorsichtig sein Rundmäulchen ans Brotkügelchen stieß, daß es
zusehends kleiner wurde. Im richtigen Moment
gezuckt, schon hing an der Angel ein silberblitzender Schwanz, der
mit Freudengeschrei herausgezogen und, vom
Haken gelöst, gleich wieder ins Wasser geworfen wurde, wo
er davonstieb und hinein in den Schwarm der anderen.
Denn Laugele sind gesellige Wesen, flink bis zum Übermut, schießen
blitzend und flitzend einher und weg, und abends
oder vor's rengelt;t sieht man sie blitzartig hüpfen, also
jucke oder gumpe. Aber das ist auch schon alles.
Laugelegumper hingegen sind Leute. Nicht etwa solche, die wie Laugele
eigenwillig jucket oder gumpet, auch wenn
man derlei allerhand zu sehen bekommt. Laugelegumper sind Leute
von der Rasse, die meint, besonders gewitzt zu
sein, besonders einfallsreich und erfinderisch, und die, wenn's um
dArbet goot, vor allem auf Erfolg und Gewinn aus
sind. Und die es so weit treiben, daß sie um den Spott nicht
zu sorgen haben. So geschehen dereinst in Überlingen.
Da soll verbürgter Kunde nach im Hafen ein besonders dicker Schwarm
Laugele gesichtet worden sein, seit vielen
Tagen schon.
Wollte sie alle gefangen wissen, sah sie schon in Kesseln und
Pfannen, aber wie am besten und ringsten ihrer habhaft
werden, die so leichtschwänzig entwischen? Mit Netzen sei das
nicht getan, sagten die Fischer, erfahren in der Mühe
ihres Handwerks. Die schmecken die Absicht und reißen aus! Wenn
man alle Laugele fangen und nicht nur fugsen
wolle, müsse man es gescheiter anstellen. Und da hatten sie die
Idee:
Sie stellten einen "Gumpbrunnen", also eine Art Jauchepumpe ins
Wasser und pumpten und gumpten, was das Zeug
hergab. Wie es ausging, können wir uns denken. Von da an hatten die
Überlinger ihren Spitznamen weg:
Laugelegumper. Und so heißt man auch die von Wallhausen und
von Dingelsdorf. Wer's nicht glaubt, befrage den
Überlinger Medizinalrat Theodor Lachmann (1835 -1918). Er
hat die Sache ausgeführt in seinem bereits 1909
erschienenen Buch "Überlinger Sagen, Bräuche und Sitten mit
geschichtlichen Erläuterungen, ein Beitrag zur
Volkskunde der badischen Seegegend". Das wäre somit klargestellt.
Die Laugelegumper haben in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts
eine Metamorphose durchgemacht, ganz im
Sinne des Ovid, und zwar durch und mit den Konstanzern. Die Fänger
haben sich selbst verwandelt und schwirren als
Laugele in närrischen Tagen durch die Gassen der Stadt.

Du silbersilbrigs Laugele mit dine Bolleaugele,
mit dim breite Muulele bisch du garit fuulele.
Kopfduech rot und Hemmed au
bi Maa und Frau isch wasserblau. o Laugele, 0
Gumperle
mit dine Schuppebumperle.
Wie blinkerets und schupperets, iberm Buuch doo bupperets,
a dim dicke StockeIe
hascht en Fisch am Zockele.
Wissenschaftler sind Narren: Sie wollen alles wissen. Nachdem der
Gumper erklärt ist, also nun: alles über das
Laugele.
Es gehört in die Familie der Weißfische, lateinisch Alburnus. Dies
sind, lexikalisch beschrieben, Fische mit
gestrecktem Körper, vorstehendem Unterkiefer, kurzer, hinter
den Bauchflossen stehender Rückenflosse, unter dem
Ende derselben beginnender Afterflosse, scharfrandigem Bauch und
mit seitlich zusammengedrücktem Leib und sehr
schief stehender Mundspalte, wechselt ungemein in Form und
Färbung, ist meist auf dem Rücken blau- bis grasgrün,
an den Seiten silberglänzend, an der Rücken- und Schwanzflosse
grau, an den übrigen Flossen gelblich, findet sich in
stehenden und fließenden Gewässern Europas, lebt gesellig in oft
sehr großen Scharen, ist wenig scheu, gefräßig... Er
hat sehr grätiges Fleisch.Weißfische nennt man auch Lauben. Das
Laugele, mitunter auch LaubeIe genannt, hat den
lateinischen Namen Alburnus lucidus. Sein Silberglanz ist also
besonders hervorgehoben: lucidus heißt lichtvoll,
leuchtend, hell, glänzend weiß. Aber woher das Wort Laugele oder,
wie es in Straßburg heißt, Lauk? Daran
wissenschaftlern die Sprachforscher bis heute herum. Und weil sie
nichts beweisen können, stellen sie Vermutungen
an, nicht mutwillig, aber doch kommt das, was sie so
anstellen, wie eine Zumutung vor. Da vermuten die einen: Weil
Laugele sich gern in seichtem Wasser aufhalten - ich sehe
einige Laugelegumper bereits vielwissend nicken - und weil
im Süddeutschen Lauge soviel wie abgestandenes warmes Wasser sei
und "louga" zur Karolingerzeit warmes Bad
bedeutet habe, sei der Zusammenhang doch klar, oderit? Andere
kommen mit folgender Zumutung: Die Fischchen
wurden im vorigen Jahrhundert in Massen gefangen, ihre
hellglitzernden Schuppen alkoholisch abgelaugt und der in
dieser Lauge erzielte Auszug, die Essence d'Orient, zur
Herstellung künstlicher Perlen benutzt. Doch solcherlei
Laugele-Auslaugerei mitsamt den falschen Perlen kann einen echten
Konstanzer Laugelegumper nur vergraulen.

Die dritte Erklärung klingt anmutig ermunternd:
Demnach hat das Laugele einen Namen, der bis ins Indogermanische
zurückreicht, also einen beachtlichen
Stammbaum ausweisen kann. Gewissermaßen hochadelig. Gehen wir in
Ehrfurcht schrittweise zurück. Im Mittelalter
bedeutete "louc" Flamme, Blitz, Glanz, bei den Germanen "laugi"
dasselbe wie Lohe. Das Indogermanische
Wurzelwort ist "luk" oder "leuk", und das ist kein anderes Wort als
das heutige leuchten. Es taucht im alten
Griechisch auf als "leukos" für licht und glänzend, im
Lateinischen als "lux" für Licht, und auch unser Licht ist
sprachlich ein Nebenzweig vom Stammwort "luk", also daß unser
Laugele beides in sich vereint: Lohe und Licht, und
alles bedeutungsvoll zum Ausdruck bringt, was als "lichterloh"
erscheint, schimmert und glänzt, was hell ist und
leuchtend, klar und rein, bleich und blaß, glitzernd und blitzernd,
blink und blank. Sowas läßt sich der Konstanzer
Laugelegumper, man kann sich's denken, gern gefallen. Er wird sich
das ästhetisch ausmalen und philosophisch zu
eigen machen zur Selbstverherrlichung. Nur eines braucht er sich
nicht gefallen zu lassen, sollte einer damit kommen
wollen, daß mit dem Wurzelwort "leuk" auch die Wörter leugnen,
lügen und Lug hervorgekommen seien. So
verlockend diese Annahme für einen Sprachforscher auch sein möge:
Der Konstanzer Laugelegumper, so sehr er auch
blinkt und blitzt und glänzt und glitzt, ist zwar ein Narr, aber
kein Lugenbeitel, der falsche Perlen auf dem Fischmarkt
anbietet.
Also denn Laugele, gump!
Brunno Epple
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